IVG Forum Gartenmarkt

Sonderveröffentlichung

Wie die Arbeitswelt sich verändert

„Der Mensch steht im Mittelpunkt“, lautete der Titel beim Forum Gartenmarkt des Industrieverbandes Gartenbau (IVG). Dabei richteten die Vortragenden in Mainz ihr Augenmerk vor allem auf junge Menschen und ihre Ansprüche an die Unternehmen. Dabei ging es nicht nur ernst zu: Ex-Schiedsrichter Urs Meier rückte während seines Impulsvortrags mit Schweizer Humor die Entscheider selbst in den Fokus.

Von Verena Groß

Fachkräftemangel wird für Unternehmen weltweit künftig die größte Wachstumshürde darstellen, erklärte Dr. Steffi Burkhart, Botschafterin der Generation Y & Human Capital Evangelist. Dies führt zu einer Machtverschiebung hin zu Arbeitnehmern insbesondere der Generation Y. Nach Aussage der Vortragsrednerin – sie ist Jahrgang 1985 und gilt als Sprachrohr der 20– bis 35-Jährigen – verändern sich dadurch die Spielregeln der Arbeitswelt. Unternehmen müssen sich auf eine neue Denkweise einstellen: Leben die Babyboomer (zwischen 1955 bis 1969 geboren) nach dem Glaubenssatz „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, gilt für die künftig den Arbeitsmarkt beherrschende Generation Y das Prinzip Yolo: „You only live once“ („du lebst nur einmal“).

„Unternehmen, die sich bereits jetzt darauf einstellen, werden künftig von dieser Weitsicht profitieren“, sagt Burkhart voraus. Denn talentierte junge Menschen können sich ihren Arbeitsplatz aussuchen und wollen wissen, welche Mehrwerte ein Unternehmen im Gegensatz zur Konkurrenz bietet. Das betrifft sowohl den Stand der Technik als auch die Betriebs- und Führungsstrukturen.


Wie die Arbeitswelt sich verändert Image 1



„Unternehmen, die sich bereits jetzt darauf einstellen, werden künftig von dieser Weitsicht profitieren.“


Dr. Steffi Burkhart, Botschafterin der Generation Y


Ein Chef, der nur als Manager agiert, ohne zu führen und seine Mitarbeiter weiter zu bringen, ist für die Generation Y nicht akzeptabel. Sie stellen ihre Bedürfnisse an die erste Stelle, durchleben Zick-Zack-Lebensläufe und wechseln im Schnitt acht Mal in ihrem Berufsleben den Arbeitgeber und drei Mal die Branche.

Konstruktive Fehlerkultur

Die durchschnittliche Verweildauer in einem Job ist bereits auf 1,6 Jahre gesunken, sagte Fabian Kienbaum, CEO von Kienbaum Consulting. In der neuen Arbeitswelt wächst der Druck auf die Führungskräfte, sich von den Erfolgsmustern der Vergangenheit zu verabschieden und ihr Verhalten dem Zeitgeist anzupassen. Das bedeutet etwa, Mitarbeiter auf allen Ebenen zur Verantwortungsübernahme zu ermutigen und sie zu ermächtigen, Entscheidungen selbst zu treffen. So werden die Führungskräfte beim Schweizer Softwareentwickler Haufe-umantis (St. Gallen) gewählt.


„Die Sprachsteuerung kann den Kunden künftig durch gezielte Fragen ... am Ende ein perfekt passendes Produkt vorschlagen.“

Anne Lisa Weinand, Projektmanagerin IFH Köln


Von modernen Chefs wird erwartet, dass sie Vertrauen in die Selbstorganisation der Mitarbeiter haben, deren Kreativität fördern und Misserfolge im Sinne einer konstruktiven Fehlerkultur einplanen. Als Beispiel für ein modernes Arbeitsmodell führte Kienbaum den Vitra Campus in Weil am Rhein an. Die Bauten renommierter Architekten haben das Produktionsgelände des Möbelherstellers zu einem Magneten für Design- und Architekturliebhaber aus aller Welt werden lassen, die hier zusammenarbeiten und Start-ups zur Horizonterweiterung räumlich eingliedern.

Keine Generationenfrage

Ein neuer Trend sind solche Arbeitswünsche und Sehnsüchte nicht, merkte Tristan Horx vom Zukunftsinstitut in seinem Vortrag an. Sie haben sich seit 50 Jahren nicht fundamental verändert, allerdings sind sie inzwischen leichter durchsetzbar. Das Geburtsdatum ist dabei nach seinen Worten nicht entscheidend: Nach fünf Jahren am Arbeitsmarkt ist bei einem Menschen keine Generationszugehörigkeit mehr zu erkennen. Mehr noch: Innerhalb der Altersgruppen gibt es größere Unterschiede als zwischen den Generationen.

Jeez - der mobile Baumarkt im Rhein-Main Gebiet kommt zum Kunden.
Jeez - der mobile Baumarkt im Rhein-Main Gebiet kommt zum Kunden.

Nicht der Generationenwandel ist nach Meinung von Horx zentraler Treiber des globalen Wandels, sondern es sind die langfristige Entwicklungen für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft.

Die so genannten Megatrends stehen miteinander in Beziehung und erzeugen zudem Gegentrends. So werden Menschen immer besser vernetzt und sind technisch leichter zu erreichen – der Megatrend lautet Konnektivität. Doch dieser Omni-Kontakt führt beispielsweise im Handel dazu, dass Kunden mit Informationen bombardiert werden und sich abwenden.

Zunehmende Überforderung durch digitale Medien bereitet den Weg für eine neue Achtsamkeit und die Suche nach sozialem Austausch. So werden Supermärkte zu Treffpunkten umgestaltet und Gemeinschaftsgärten angelegt. Sie dienen nicht nur dem Anbau, sondern auch als sozialer Raum, führte Horx aus. Beispielsweise wollen sich die Bewohner des Öko-Dorfes ReGen Village in den Niederlanden komplett selbst versorgen.

25 Wohnhäuser mit durchschnittlich 120 Quadratmetern Wohnfläche stehen im Kreis angeordnet um Gewächshäuser, Gärten, Weiden und Aquaponik-Anlagen. „Gärtnern ist die soziale Logik – und damit etwas Urmenschliches“, sagte Horx.

Von Fußball und Wirtschaft

Das menschliche Bedürfnis nach Spaß erfüllte Schiedsrichter Urs Meier mit seinem Motivations-Vortrags. Dem Publikum zeigte er anhand von amüsanten Anekdoten und spannenden Spielszenen die Parallelen zwischen Spitzen- Fußball und Wirtschaft auf.

Erfolg erfordert Entscheidungen, lautete die Kernbotschaft des Schweizer, der mehr als 900 Spitzenspiele gepfiffen hat. Ein Schiedsrichter trifft in Sekundenschnelle und unter Druck 250 bis 300 Entscheidungen pro Spiel. Wie ein Unternehmenschef muss er dabei Menschen richtig einschätzen und führen. Erfolg haben Führungspersönlichkeiten mit Mut, unumstößlichen persönlichen Werten und Fairness. Und das gilt gleichermaßen für den Fußball und für das Leben.


Wie die Arbeitswelt sich verändert Image 2



„Gärtnern ist die soziale Logik – und damit etwas Urmenschliches.“


Tristan Horx, Zukunftsforscher


Drei Startups stellen sich vor

Neue Geschäftsmodelle verändern den Gartenmarkt. Das Forum Gartenmarkt des IVG bot drei Start-ups die Möglichkeit, sich vorzustellen. Dabei zeigte sich, dass die Gründer nicht zwangsläufig aus der Branche kommen müssen, um eine gute Idee zu entwickeln.

Green for me aus Düsseldorf: Nathalie Odermann suchte vergeblich im Internet nach Inspiration und Hilfe für ihren neuen Garten. Zwar gibt es Online- Shops mit riesiger Auswahl. Doch ihr fehlte eine Anleitung, auf was sie bei der Gestaltung eines Beetes achten muss und nach welchen Kriterien sie die Pflanzen auswählen soll. Mit ihrer früheren Kollegin Julia Hack entwickelte sie deshalb die Geschäftsidee, eine intelligente Pflanzberatung im Internet anzubieten. „Lass uns das Beste aus deinem grünen Lieblingsplatz rausholen“, lautet das Motto von Green for you. Die Onlineplattform soll es Menschen ermöglichen, Beete nach individuellem Geschmack zu gestalten, die langfristigen Erfolg versprechen. „Wir möchten den Weg vereinfachen, sich im Garten selbst zu verwirklichen“, sagt Odermann.

Dabei hilft ein Computerprogramm, das Gartenbesitzern die richtigen Fragen stellt. Der Anwender entscheidet sich für einen Gartentyp und beantwortet Details über das Beet. Abhängig von Standort, Zeit für die Pflege, Bodenbeschaffenheit und Größe der Fläche errechnet die Software ein Pflanzkonzept und schickt es dem Kunden nach einer kostenpflichtigen Registrierung zu.


Wie die Arbeitswelt sich verändert Image 3



„Wir planen Showrooms in Gartencentern und bei Fachhändlern, in denen Kunden das Produkt erklärt wird.“


Henry Bröker, Mitgründer von Cloudrain


Für die Pflanzenauswahl arbeiten die Gründerinnen mit einer Landschaftsarchitektin zusammen. Mit einer Einkaufsliste kann der Kunde dann ins nächste Gartencenter fahren. Zudem liefert Green for your Pflegetipps und ein Übersicht, wie sich die Farben im Beet in Laufe des Jahres verändern.

Derzeit wird die Software, deren Weiterentwicklung vom Bundeswirtschaftsministerium finanziell gefördert wird, um Planungen für Balkon und Terrasse erweitert. Außerdem soll die Auswahl noch dynamischer werden, damit Kunden zum Beispiel Pflanzen im vorgeschlagenen Plan austauschen können. Angedacht ist zudem eine Bestellmöglichkeit für Pflanzen.

Cloudrain aus Düsseldorf: Um intelligente Gartenbewässerung für einen erschwinglichen Preis geht es einem Gründer-Trio um Henry Bröker. „Automatische Bewässerung ist derzeit noch kompliziert, ineffizient und nicht aus der Ferne zu steuern.“

Kernstück ist ein selbst entwickelter Controller, der lokale Wetterdaten für eine effiziente und automatische Steuerung auswertet. Die Steuerung ist wasserdicht und solar betrieben. Ein Gerät pro Garten reicht, um über WLAN bis zu 30 Ventile in der näheren Umgebung anzusteuern. Auch sie benötigen keinen Stromanschluss.

Dem Start Up Cloudrain geht es um die intelligente Gartenbewässerung.
Dem Start Up Cloudrain geht es um die intelligente Gartenbewässerung.

Gesteuert wird die Gartenbewässerung über eine intuitiv zu bedienende App mit dem Smartphone. 130 Unterstützer haben mit 26.000 Euro die Entwicklung über ein Crowdfunding- Projekt ermöglicht.

Verkauft werden die Cloudrain- Produkte vorerst nur über das Internet. „Wir planen Showrooms in Gartencentern und bei Fachhändlern, in denen Kunden das Produkt erklärt wird“, kündigt Bröker an.

Jeez – mobiler Baumarkt im Rhein-Mein-Bereich: Einen Baumarkt auf Rädern betreibt Robin Lanzer mit „Jeez“. Es begann 2016 mit einem Farbentruck, der Kunden Lösungsansätze und Dienstleistung fürs Streichen und Renovieren nach Hause bringt.

Schnell wurde das Sortiment ausgeweitet. 30.000 Artikel sind bereits vorrätig, im kommenden Jahr soll das Gartensortiment ausgebaut werden.

Vereinbart ein Kunde einen Termin, stellt Jeez ein Sortiment zusammen und besucht ihn mit einem ausgestatteten Van. Ein Berater hilft bei der Umsetzung der Ideen und verlagert so den stationären Handel an die Haustür.

Die Preise sind mit denen im Baumarkt vergleichbar, einen Mindestbestellwert gibt es nicht. „Bei einem Einkauf über 125 Euro haben wir unsere Kosten raus, wobei die Kunden in der Regel für mehr als 200 Euro bei uns einkaufen“, erklärt Lanzer.

Zehn festangestellte Mitarbeiter fahren bereits mit Jeez-Vans zu Kunden. Im nächsten Jahr expandiert das Unternehmen in die Rhein-Ruhr-Region. „In 20 Jahren wollen wir führend in Europa sein“, kündigt der Gründer des mobilen Baumarktes selbstbewusst an.

Anzeige


Substrate und Blumenerden Floragard Vertriebs-GmbH


In der Sprachsteuerung liegt die Zukunft

Hersteller und Händler müssen sich neue Wege zum Kunden zu suchen, riet Anne Lisa Weinand, Projektmanagerin am IFH Köln. Eine Chance bieten sprachgesteuerte, vernetzte Geräte wie Amazon Alexa. 60 Prozent der 20– bis 69-Jährigen hatten bereits mindestens einmal Kontakt mit dieser Technik, bei den 14– bis 19-Jährigen sind es bereits 87 Prozent. Zwar gaben nur zwölf Prozent der Nutzer an, bereits eine Onlinebestellung über eine Sprachsteuerung getätigt zu haben. Doch das wird sich ändern, denn die Kompetenzen und Anwendungen für die virtuellen Assistenten sind in den vergangenen zwei Jahren enorm gewachsen. „Die Sprachsteuerung kann den Kunden künftig durch gezielte Fragen die Customer Journey abnehmen und am Ende ein perfekt passendes Produkt vorschlagen“, sagt die Projektmanagerin voraus.

Social Media entwickelt sich zum Verkaufskanal


Wie die Arbeitswelt sich verändert Image 4




„Nutzen Sie sie und begeistern Sie Ihre Kunden.“


Anne Lisa Weinand, IfH zu neuen Verkaufskanälen im Internet


Auch Social Media entwickelt sich immer mehr zum Verkaufskanal. Während 28 Prozent der 30– bis 39-Jährigen bereits einem Kaufanreiz auf Facebook gefolgt sind, lassen sich die Jüngeren vor allem durch Instagram beeinflussen. Empfehlungen von bekannten Meinungsmachern wie „Bibi“ mit 6,3 Millionen Abonnenten können zu einem Ausverkauf der empfohlenen Produkte führen. Kooperationen mit Stars sind teuer, doch es gibt auch eine Reihe preiswerterer Meinungsmacher mit kleinen Fangemeinden. „Wenn die Follower jedoch genau Ihre Zielgruppe sind, können Sie eine wahnsinnige Reichweite erzeugen“, rät Weinand. Für einen Bedarf aus dem Nichts sorgen auch Bilder von Produkten auf Instagram, die durch Anklicken in einen Bestellshop weiterleiten, was allerdings nicht immer ohne Hilfe von Social-Media-Experten einzurichten ist. Die Projektmanagerin sagte voraus, dass die Umsätze durch Social Media weiter ansteigen und der Weg zum Kunden sich weiter verändern wird. Händler sollten deshalb schauen, welche Touchpoints und Kanäle für die Zielgruppe relevant sind. „Nutzen Sie sie und begeistern Sie Ihre Kunden – und schaffen sie sich damit einen Vorsprung zu ihren Wettbewerbern.“


Datenschutz